Samstag, 20. Juni 2015

Achtung.txt


Achtung!
Du lebst in einer schnellen Welt, die immer schneller wird.
Das Leben zieht an dir vorbei, zeichnet und malt dein Gesicht.
Du erlebst mehr als du verarbeiten kannst und vergisst.

Achtung!
Ohne aufzublicken sitzt du da und tippst.
Du verlierst den Raum und die Zeit um dich herum.
Du und die Maschine, das ist jetzt eins.

Achtung!
Hörst du den Vogel zwitschern?
Siehst du, wie das Wasser Wellen schlägt?
Kannst du die Sterne zählen?

Achtung!
Es gibt mehr als nur dich.
Hier leben so viele Menschen.
Jeder von ihnen hat eine Geschichte.

Achtung!
Morgen wird übermorgen gestern sein.
Vorgestern war gestern noch morgen.
Heute ist hier und jetzt.

Achtung!
Pass auf dich auf!
Gib acht!


Dies ist ein Beitrag zu dem *.txt-Projekt des Blogs Neon|Wilderness. Alle drei Wochen erscheint dort ein neues Wort, das als Grundlage für die entstandenen Texte dient. Mehr zum aktuellen Wort: Acht.

Dienstag, 9. Juni 2015

Im Scherbenmeer


Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“
Artikel 3 der Menschenrechte



Im Scherbenmeer


Im Scherbenmeer treiben aus Seemannsgarn gesponnene
Nixentränen zwischen Hühnergöttern und Donnerkeilen.

Der Spülsaum zeigt die Vielfalt einer fernen Welt
und Leuchtfeuer weisen Wege in die Ungewissheit.

Mit Taschen voller Mut und der Angst im Nacken
lockt das Meer mit dem Versprechen nach Sicherheit.

Doch hinter den Ufern lauern Tiefe und Kraft
und das Leben wird zum Spielzeug der Macht.

Und die Wellen schlagen höher.

In der ungeheuren See verschlingen Seeungeheuer Menschenrechte
und in tausend Scherben treiben Träume durch die Unterwasserwelt.

Und die Wellen schlagen höher.

Aus dem Schiff wird ein Wrack, aus dem Segel ein Tuch,
aus dem Anker eine Last und aus den Leinen ein Strick.

Und die Wellen schlagen höher.

Wenn die Möwen wie Aasgeier kreisen und Salzwasser versucht
Durst zu stillen, geht die Hoffnung zu Grunde.

Und die Wellen schlagen höher.

Und das Meer schleift und formt immerfort,
Welle für Welle macht es vergessen was geschah
und aus glasklaren Scherben werden Nixentränen.


Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Johanna während eines Seminars der Jugendbauhütte Lübeck und wird aktuell im "Offenen Fenster" in der Dankwartsgrube ausgestellt.
Kurz vor und während unseres Seminars auf der Viermastbark „Passat“ kenterten im Mittelmeer zwei Flüchtlingsboote und schätzungsweise 1100 Menschen verloren ihr Leben. Mit angeschwemmten Holzstücken und von Meer rund geschliffenen Scherben, den Nixentränen, näherten wir uns dem Thema und das Projekt „Im Scherbenmeer“ entstand. Wir wollen an die vielen Menschen erinnern, die auf der Suche nach Sicherheit ihr Leben ließen und darauf aufmerksam machen, dass sich überall auf der Welt Menschen auf der Flucht befinden. Deshalb sollten wir uns für offene Grenzen für alle einsetzen, denn wovor haben wir Angst?