Montag, 20. Juli 2015

Nackt.txt - Über Körperbilder und das Frau sein

Ich weiß, dass ich eine Frau bin und ich bin gerne eine Frau. Ich bin stolz eine Frau zu sein.

Ich habe es nicht nötig mit viel Spitze, langen Fingernägeln und einem tiefen Ausschnitt andere von meiner Weiblichkeit zu überzeugen, weil ich eine Frau bin, egal wie ich aussehe oder wie ich mich verhalte. Ich bin eine Frau, weil ich mich weiblich fühle. Und ich habe die Wahl, selbst zu bestimmen, wer ich bin und wie ich sein möchte.

Und ich wünschte alle gesellschaftlichen Konventionen, die sagen, wie eine Frau zu sein hat würden an mir abperlen, wie die Wassertropfen auf dem Gefieder eines Vogels. Ich wünschte kein Hochglanzmagazin der Welt hätte die Macht mein Körperbild ins Wanken zu bringen. Und ich wünschte alle Spiegel würden sagen: "Du bist schön, so wie du bist!"

Stattdessen fühle mich nackt. Ich fühle mich unwohl, entblößt, gedemütigt, verletzt. Nichts ist wie es sein sollte. Unsere Köpfe spielen verkehrte Welt mit unseren Körpern. Wo finden wir Wahrheit - in Spiegeln, auf Fotos, in Magazinen? Was ist natürlich, was ist gut, was ist schön? Wie gesund kann eine Idealvorstellung sein? Wie sieht eine Frau idealer Weise aus?

Schlank mit weiblichen Rundungen sollte sie sein. Nicht zu groß und nicht nicht zu klein, aber bitte mit langen Beinen. Diese natürlich immer schön glatt und sorgfältig enthaart, den Haare gehören natürlich nur auf den Kopf. Von wo aus sie in wallender, glänzender Mähne sanft auf die Schulter fallen. Am besten in blond, aber niemals mit Wasserstoffperoxid, sonst ist man schnell dumm. Größe Brüste, Wespentaille, breites Becken das gibt sogar in Zahlen. Die Brüste rund und fest und die Nippel sitzen am besten kurz unterm Kinn. Der Bauch ist durchtrainiert, aber wirkt selbstverständlich nicht muskulös. Und hinten dran ein Knacke-Po und die Beine sind weder X noch O. Dafür mit Luft zwischen den Oberschenkeln und Füße nur bis Schuhgröße 38. Keine Segelohren, volle Lippen und große Augen mit langen Wimpern...

Die Liste ist lang und ich bin müde und sauer. Müde davon etwas anzustreben, dass ich nicht erreichen kann. Sauer darüber, dass ich mich selbst nicht von diesen Idealen lösen kann. Ich möchte über sie Lachen und Weinen können ohne mich selbst dabei zu verachten.

Ich bin nur ich, nicht mehr und nicht weniger. Ich bin gerne ich und ich bin stolz so zu sein, wie ich bin. Und ich möchte mich vor niemandem rechtfertigen müssen, auch nicht vor mir selbst.

Dies ist ein Beitrag zu dem *.txt-Projekt des Blogs Neon|Wilderness. Alle drei Wochen erscheint dort ein neues Wort, das als Grundlage für die entstandenen Texte dient. Mehr zum letzten Wort: nackt.